felix disselhoff./.journalist  //:online autor . redakteur . vj
  • /willkommen
  • /arbeit
    • //online
      • //tv
        • //web-tv
          • //print
            • //radio
            • /vita
            • /kontakt
            • /freiraum
              • //texte
                • //layout
                  • //blog

                  Geliebte Datenkrake

                  Picture
                  Google brachte uns die Suchmaschine, praktische Software und bald ein eigenes Betriebssystem. Doch aus dem coolen Start-up, das uns seit einem Jahrzehnt mit kostenlosen Tools versorgt, wurde ein Multimilliarden-Konzern, der jenseits gesetzlicher Grenzen Daten sammelt und ganze Branchen ins Wanken bringt. Wir können dabei nur zuschauen. Denn wir brauchen Google.

                  Kennen Sie "Googlezon"? Den Überkonzern aus einer Verbindung aus dem Suchmaschinenriesen Google und dem Internetkaufhaus Amazon, der seine User komplett durchleuchtet und weiß, was sie einkaufen, mit wem sie befreundet sind und worüber sie am liebsten diskutieren. Der Film "Google Epic 2015" von Robin Sloan und Matt Thompson prognostizierte die Fusion der beiden Datenkraken für das Jahr 2012. Und sorgte damit für viel Furore in der Internet-Gemeinde.

                  Ganz so unrealistisch scheint die Vision der beiden Filmemacher nicht mehr zu sein, wenn man sich Googles Kauflust genauer anschaut. Aus dem coolen Start-up wurde innerhalb eines Jahrzehnts ein weltweit agierender Multimilliarden-Konzern mit über 24.000 Mitarbeitern. Ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht, denn unsere Gesellschaft ist längst eine Symbiose mit dem kalifornischen IT-Riesen eingegangen. Google braucht unsere Daten, wir brauchen Google. „Googlen“ ist zur Kulturtechnik geworden und hat schon jetzt eine ganze Generation geprägt. Längst hat das schnelle Suchen und Finden von Daten im Netz zu einem veränderten Umgang mit Medien in unserer Gesellschaft geführt. Die Konsequenz: Kinder der "Generation Google" lesen zwar mehr, dafür oberflächlicher. Google lehrte uns, zu suchen anstatt zu lernen, Informationen zu finden und zu konsumieren.

                  Internet = Google

                  Wie sehr Google mittlerweile unser Verständnis vom World Wide Web geprägt hat, zeigen Googles Suchstatistiken. Unter den Top 4 der meistgesuchten Begriffe liegen YouTube, Ebay und: Google selbst. Die Tatsache, dass selbst auf Google Google gegooglet wird, legt den Verdacht nah, dass ein Großteil der Internet-Gemeinschaft die Suchmaschine mit dem Internet gleichsetzt. Google ist für viele die Tür ins weltweite Netz. Wann spielt meine Lieblingsband? Und wo? Google liefert uns zwar noch keine direkten Antworten, aber schlägt uns Seiten vor, die sehr wahrscheinlich die richtigen Antworten liefern. Unsere Bequemlichkeit und die Einfachheit der Google-Suchzeile haben das Unternehmen von Sergej Brin und Larry Page seit 1998 zu einem Konzern mit 24 Milliarden US-Dollar Umsatz in 2008 wachsen lassen.

                  Dabei ist Google-Strategie recht simpel: Dringe mit aggressivem Auftreten, immenser Finanzkraft und großen personellen Ressourcen in einen besetzten Markt. Alles, was im Weg ist, wird aufgekauft. Lässt sich ein Konkurrent nicht aufkaufen, entwickelt der Konzern sein Produkt eben selbst und stellt es kostenlos zur Verfügung. Damit werden Daten gesammelt, um noch effektiver Werbeeinnahmen zu generieren. Wie gut das funktioniert, zeigen die jüngsten Geschehnisse auf dem amerikanischen Navigationsmarkt.

                  Ein Konzern malt sich seine Welt

                  Dort beginnt der Konzern unter Einsatz von Millionen von Dollar ein Geschäftsmodell zum Einsturz zu bringen, das ursprünglich nie zu seinem Kerngeschäft gehörte. Bislang hatten sich TomTom und einige wenige Anbieter ihre Kartendaten mittels Navigationsgeräten und Software teuer bezahlen lassen. Hat allerdings Motorola mit seinem Mobiltelefon „Droid“ Erfolg, dürften auch andere Anbieter nachziehen. Denn auf dem "Droid" kommt das Google-Handybetriebssystem Android zum Einsatz. Der Clou: Android hat eine eigene kostenlose Navigationssoftware integriert. Die Konkurrenz kann nur tatenlos zusehen, wie sich ihr milliardenschweres Geschäftsmodell in Luft auflöst. Noch im Juli 2007 zahlte TomTom 2,7 Milliarden Dollar für den Kartenanbieter TeleAtlas, nur zwei Monate später kaufte Nokia für 8,1 Milliarden Dollar den Wettbewerber NavTeq. Der Google-Service hingegen ist völlig kostenlos und finanziert sich durch Werbung. Und um unabhängig von den großen Anbietern zu sein, hat Google kurzerhand seine eigenen Karten von Nordamerika gezeichnet. Die sogenannten Street-View-Autos fotografieren Straßen und Schilder ab und versehen die Bilder mit Koordinaten auf der Landkarte.

                  Das Geschäft jenseits der Suchmaschine ist aber schon längst Teil der Google-Strategie. Im Online-Werbemarkt ist Google die unangefochtene Nummer eins. Unternehmen verwenden viel Geld und Personal, um ihre Webpräsenzen für Google zu optimieren und ihre Inhalte bestmöglich in den Suchrankings zu positionieren. Akademiker nutzen die Datenbanken von Google Books, während Verlage gegen die ungefragte Digitalisierung von zehntausenden Büchern prozessieren. Google ist immer Segen und Fluch zugleich. Selbst der Journalismus wird im Netz zunehmend abhängiger von dem Unternehmen, das Journalisten das Recherchieren vereinfacht hat. Der Nachrichten-Aggregator Google News wird - zum Leidwesen der Verlage - zum digitalen Kiosk für die Web-Gemeinde. Nicht mehr Chefredakteure, sondern Google-Bots bestimmen nach festgelegten Algorithmen, was die Schlagzeile der Stunde ist. Die Reaktion auf die veränderten Verhältnisse: Inhalte müssen nicht nur gut, sondern googlekonform getextet sein. Denn immerhin strömen schon 30 bis 40 Prozent der Leser über die Suchmaschine auf die deutschen Nachrichtenseiten.

                  Geliebte Datenkrake

                  Der Otto-Normal-User profitiert von den kostenlosen Google-Services, sollte man meinen. Eine Suchmaschine, die sich meinen Bedürfnissen anpasst, ein Tool, das mir aktuelle News liefert oder ein Mail-Programm mit beinahe unbegrenztem Speicherplatz. Doch mit jeder neuen Software sammelt das Unternehmen mit Sitz im kalifornischen Mountain View mehr Daten über seine User. Bislang speichert der IT-Riese die Google-Aktivitäten der letzten neun Monate auf seinen Rechnern. Dazu gehören die IP-Adresse ihres Rechners, Uhrzeiten, Ortsangaben sowie Suchanfragen und ihre Reaktion auf die Ergebnisse. Googles argumentiert mit seinem Leitspruch "Don't be evil" (dt.: "Sei nicht böse"), die gespeicherten Daten würden nur genutzt, um die Suchmaschine zu optimieren. Wirkliche Gestalt bekommen die gesammelten Daten aber erst durch wirtschaftliche Expansion. 2007 kaufte Google DoubleClick, das seit 1996 Daten über User sammelt. Seit dem Beginn der Internet-Ära verschickt der Online-Vermarkter Cookies an User weltweit. Besuchen Sie eine Seite, wird eine solche Datei auf ihrem Rechner abgelegt.

                  Ab diesem Moment kommuniziert die Datei mit einer Software, was Sie auf dieser Website klicken, kaufen oder sich einfach nur häufiger als eigentlich üblich anschauen. Und bis zu diesem Zeitpunkt läuft alles über eine halbwegs anonyme IP-Adresse, die Ihr Internetprovider Ihrem PC beim Einwählen ins Internet zugeteilt hat. Die verrät lediglich ihren Standort. Allerdings erwarb DoubleClick 2006 das Marktforschungsinstitut Abacus Alliance. DoubleClicks Daten aus Online-Umfragen und Anmeldeformularen ließen sich so mit noch detaillierteren Offline-Daten verknüpfen. Denn Abacus verfügte zu diesem Zeitpunkt über Adressen, Telefonnummern und Verkaufsverhalten von etwa 90 Prozent der amerikanischen Haushalte. DoubleClick brauchte nur die Zustimmung einer Seite, den User namentlich zu identifizieren. Im April 2007 kaufte Google DoubeClick für 3,1 Milliarden US-Dollar und setzte sich gegen Microsoft und Yahoo durch. Es war der größte Zukauf in der Firmengeschichte. Zum Vergleich: Der viel medienträchtigere Kauf der Videoplattform YouTube kostete Google nur 1,6 Milliarden Dollar.

                  Digitale Mauern und sichere Häfen

                  Die Frage, die sich aus der Kombination von immenser Kaufkraft, aggressivem Auftreten auf unterschiedlichsten Märkten und der Masse an gesammelten Daten stellt: Wie lässt sich ein global agierender Konzern wie Google kontrollieren? Zumindest für Europa lautet die Antwort: gar nicht. Im April 2008 forderte Europas Datenschützer, die Speicherung von IP-Adressen zu überdenken. Google lehnte ab. Im Sommer 2008 wurde diese Auffassung auf die Probe gestellt. Ein New Yorker Bezirksgericht entschied, dass die Daten sämtlicher YouTube-Nutzer, die sich einen Clip auf der Video-Plattform angesehen haben, an den US-Medienkonzern Viacom übermittelt werden müssen.

                  Das Medienunternehmen (u.a. MTV und Paramount) hatte Google nach dem Kauf von YouTube wegen massiver Copyright-Verletzungen zur Zahlung von 750 Millionen Euro verklagt. Die geforderte Logdatenbank umfasste zwölf Terabyte, eine Datenmenge von mehr als zehn Millionen Büchern. Europas User konnten bei der Herausgabe nur tatenlos zusehen. Denn für Google gilt US-Recht. Wie machtlos der Rest der Welt ist, verdeutlichte Googles Datenschutzbeauftragter Peter Fleischer in einem Brief an Europas Datenschützer. Darin machte er 2008 ausdrücklich darauf aufmerksam, dass sie für Google gar nicht zuständig seien, da die eigentliche Datenverarbeitung in den USA stattfinde. Als US-Anbieter habe Google das Safe-Harbour-Agreement unterzeichnet. Diesem Abkommen zufolge darf der Konzern die Daten von EU-Bürgern verarbeiten. Die Serverfarmen auf europäischem Boden würden nur die Daten sammeln, verarbeitet würden sie jedoch in den USA.

                  Datenwolken am Googlehimmel

                  Für den Verbraucher tritt Google jedoch weiterhin als Vertreter frei zugänglicher Software in Erscheinung und macht sich damit unentbehrlich. Googles neues Betriebssystem ChromeOS wird speziell für schwächere Netbooks entwickelt. Denn sämtliche Daten und Programme liegen werden online abgerufen. Der Rechner fungiert nur noch als Portal. Was sich nach einer kostenlosen Alternative zu Windows und Co. anhört, bedeutet für Google nur eine Datenquelle mehr.

                  Währenddessen versprach Googles Datenschutzbeauftragter Fleischer am Montag in Berlin, dass Google seinen Nutzern mehr Kontrolle über ihre Daten geben will. Eine Möglichkeit sei das kürzlich eingeführte Dashboard, das für alle Google-Dienste (Gmail, YouTube und Co.) Auskunft über die gespeicherten Daten und Profile gibt. Das Versprechen ist allenfalls ein Treppenwitz. Denn zum wichtigsten Streitpunkt machte er keine Angaben: Noch immer ist nicht bekannt, ob und in welchem Umfang Google Nutzerprofile erstellt anstatt die Daten zur Optimierung zu verwenden. Eine tatsächliche Kontroll- und Abwehrmöglichkeit gegen eine ungewollte Datenerhebung bietet der Dienst also nicht. Gleichzeitig mehren sich in den USA die Gerüchte, dass Google 2010 ein komplett eigenes Handy rausbringt. Gekoppelt an sein Internettelefoniedienst Google Voice. Ein Vertrag mit einem Mobilfunkanbieter wäre nicht mehr nötig. Ein Ziel, Fortschritt um jeden Preis, keine Grenzen. Das ist Google.